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Nach der Europawahl

Nach der Europawahl: Energiewende bitte mit Vernunft und Augenmaß!

Zu den klaren Botschaften der Europawahl in Deutschland und auch hier in Kiel und Schleswig-Holstein zählt die Aufforderung der Wähler an die Politik, die Energiewende endlich nachhaltig anzugehen. Doch stellt sich angesichts der Komplexität und Schwierigkeit der Aufgabe die Frage, wie dies „richtig“ gemacht werden soll. Einfach mal „mehr so“ wie bisher kann keine Option sein. Einige Ideen an die Politik.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch wir haben die Weisheit natürlich nicht mit Löffeln gefressen. Aber als Kritiker des überzogenen Ausbaus der Windkraft an Land als Hauptsäule der Energiewende darf man sich nicht nur auf den Status des Verhinderers zurückziehen. Gleichermaßen muss man sich konstruktiv Gedanken über Alternativen in der Energiewende machen. Dies begleitet uns seit Aufnahme unserer Tätigkeit bereits seit 4 Jahren. Als Ausgangspunkt soll hierzu unsere grundsätzliche Kritik am Windkraftausbau in Schleswig-Holstein stehen:

  1. Warum nicht noch viel mehr Windkraft an Land in Schleswig-Holstein?

 Wir erleben mit der Windkraftregionalplanung des Landes seit Jahren, wie schwer die vermeintlich „überschaubaren“ Ziele des Landes mit „nur“ 2% der Landesfläche bzw. 10 Gigawatt Strom in der Realität umzusetzen sind. Es liegt ja nicht nur am Widerstand der Naturschutzverbände und betroffenen Bürger. Auch die Fülle der schon extra gedehnten Regelungen und Gesetze erschwert die Planung erheblich. Gleichzeitig trommeln Klimaschützer und bestimmte Parteien für noch viel mehr Windkraft an Land, am liebsten ab sofort.[1]  Grüne Vorstellungen gehen dahin, dass Onshore-Windkraft bis 2050 über die sogenannte Sektorkoppelung mindestens 20% des gesamten Energieverbrauchs (nicht nur Strom) in Deutschland decken soll. Heute trägt Windkraft bundesweit nicht mal 3% hierzu bei – trotz des erheblichen Ausbaus der letzten Jahre! Also eine Versiebenfachung der Windkraftparks? Technischer Fortschritt dürfte diese Rechnung zwar verbessern, vielleicht Richtung „nur“ Verfünffachung. Aber 5 x 2 = 10% der Landesfläche hier in SH??

Unsere Frage: Wie soll das gehen? Schon die 2% in SH sind wie oben beschrieben nur mit größten Schwierigkeiten machbar. Das Ganze gleicht dem sinnlosen Ausquetschen einer schon ausgedrückten Zitrone.

  1. Was sind die Alternativen?

 Die gute Botschaft: Es gibt sie. Sie erfordern aber vor allem in der Politik ein erhebliches Umdenken und Umlenken. Wichtige übergeordnete Aspekte sind das Zulassen von Technologieoffenheit und die Abkehr von alten Denkverboten. Und es kann keinen nationalen Alleingang geben. Selbst bei voller, billionenschwerer Umsetzung der Energiewende bis 2050 würde Deutschland allein den globalen Temperaturanstieg rechnerisch nur um weniger als  0,01 Grad begrenzen, während drei Länder (USA, China, Indien) mit 85% Anteil am globalen CO2-Ausstoß klar zu priorisieren wären. Immerhin: Die Europawahl macht jedem Politiker deutlich, sich ernsthaft, realistisch und realpolitisch mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen. Gut so.

Aber konkreter:

 

Erstens: Es geht grundsätzlich um einen gut abgestimmten und prozessural laufend auf Ergebnisse überwachten Dreiklang von Energieerzeugung, -verteilung und effizienter Nutzung. Stichwort: Professionelles Projektmanagement mit Self-Controlling, das z.B. übergreifend einen miliardenschweren Unsinn wie  den starken Windkraftausbau der letzten Jahre ohne vorhandene Stromleitungen oder Verbrauchsmöglichkeiten verhindert. Diese Planung muss länderübergreifend zumindest in Europa stattfinden. Sicherzustellen ist hier auch, dass uns die nötigen Eingriffe in unser aller Leben durch geschickte Diversifikation  sinnvoller Maßnahmen gefühlt nicht wieder ins Mittelalter zurückversetzen. Wenn wir alle hier schon Billionen EUR für die Energiewende aufzuwenden haben, dann aber bitte richtig!

 

Zweitens: In der Energieerzeugung müssen Denkverbote fallen und Technologieoffenheit Einzug halten. Die Energiewende kann über viel mehr Windkraft an Land nicht gelingen. Hier im Speziellen muss es stattdessen deutlich mehr raus auf See (Offshore) gehen. Nicht nur, dass hier kritische Aspekte wie Abstände und Anlagenhöhen keine Rolle spielen. Es gibt, wie z.B. vom Fraunhofer-Institut berechnet, ausreichend Spielraum, um das für 2050 anvisierte Ziel von 650 TWh Energieerzeugung aus Windkraft ausschließlich über Offshore-Windparks zu erreichen - ohne Nord- und Ostsee dabei vollzupflastern (gut 9% der Fläche würde genügen).

Völlig unterschätzt ist unseres Erachtens auch die Photovoltaik, die einen deutlich höheren Beitrag zur Energiewende leisten kann. Auch hier hat es in den letzten Jahren erhebliche technologische Fortschritte gegeben. Projektmäßig wäre ein bundesweites „Millionen-Dächer-Programm“ eine Überlegung wert. Flächenschonend wäre dies allemal. Transnational sollte man sich noch einmal zu sinnvollen Initiativen wie dem seinerzeit gescheiterten Desertec-Projekt aufraffen. Man könnte z.B. den gesamten Energieverbrauch Deutschlands auch mit einem 10 mal 50 km großen Solarpark in der Sahara, in der es genug Platz gibt, erzeugen. Die Gründe, warum das Projekt damals scheiterte, sind überwindbar. An der Technik jedenfalls lag es nicht. Selbst ganz Europa mit Energie aus der Wüste zu versorgen wäre ein machbares Fernziel.

Um die deutsche CO2-Bilanz aufzubessern ist wesentlich stärker über eine intensivierte Forstwirtschaft bzw. Aufforstung nachzudenken. Auch die verstärkte Nutzung von Geothermie ist ein weiteres interessantes Feld.

Und zum vorläufigen Schluss, Stichwort Denkverbot, ist zur CO2-Reduzierung auch über die Kernkraft neu nachzudenken. Natürlich fällt bei diesem Thema in aller Regel sofort die mentale Klappe bei jedem - außer bei Vertretern der Atomkraftindustrie. Das ist vollkommen nachvollziehbar. Doch was wäre, wenn es eine - sagen wir mal - Kernkrafttechnik 4.0 gäbe, die alle kritischen Probleme der Atomkraft beseitigt: Keine Explosionsgefahr wie in Tschernobyl oder Fukushima, kein Endlagerungsproblem und keine Gefahr, dass die Technik zur Herstellung von Atombomben genutzt wird. In Summe diesmal wirklich „saubere“ Atomkraft. Gibt es nicht? Googeln Sie mal den Begriff „Flüssigsalzreaktor“ und suchen im Internet nach Wissenschaftlern, die diese Technik, die es im Übrigen schon seit den 50er Jahren gibt, als realistische Lösung für die Energiewende bewerten. Wir können dies mangels Expertise letztlich nicht präzise beurteilen, aber man wäre falsch beraten, wenn man diese Option nicht zumindest mit ins Kalkül ziehen würde. Es kann doch andererseits keine Alternative sein, bei länger anhaltender Dunkelflaute auf den Import ausländischen Atom- und Kohlestroms zu setzen!

Und wer weiß, welche alternative Energieerzeugungsalternativen uns in den nächsten Jahren noch über den Weg laufen:  Fusionstechnologie,…?

 

Drittens: Die effiziente Nutzung, Speicherung und Übertragung von Energie bietet in mannigfaltiger Form erhebliches CO2-Reduktionspotenzial. Man kann gar nicht alle Möglichkeiten aufzählen, die es gibt. Exemplarische Stichworte wären bundesweite Programme zu Energiesparen, Gebäudesanierung, Wasserstoffelektrolyse, Nutzung der vorhandenen Gaspipeline-Infrastruktur, mehr Dezentralität in der Energieversorgung, usw. usw.

 

Fazit: Es mangelt nicht nur bei uns keineswegs an alternativen Ideen und Lösungsvorschlägen. Etliche Experten weisen z.T. übergreifend, z.T. im Speziellen, auf mögliche Wege aus der teilweisen Sackgasse, in die sich die Energiewende hereinmanövriert (hat), hin. Ein Reboot ist insofern zumindest in Teilen notwendig. Über welche Methoden man letztlich die besten und umsetzbarsten Ansätze herausfiltert und zur Not neu anstößt sollte man angesichts des großen Interesses der Bevölkerung in jedem Fall möglichst transparent gestalten. Die breite Diversifikation aller sinnvollen Maßnahmen dürfte letzten Endes das schärfste Schwert einer erfolgreichen und nachhaltigen Energiewende sein.

Es geht um viel. Packen wir’s an. 

Der Vorstand

BI WindVernunft Kiel e.V.



[1] Ökonomisch unsinnig, da jede neu gebaute Windmühle auf Jahre stillsteht, die Bürger aber jährlich über 300 Millionen EUR kostet (sogenannte Phantomstrom-Problematik).